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  • Jana Lucas

6 tipps für Ausstellungen über Künstlerinnen der Moderne

Es gab eine weibliche Avantgarde. Das beleuchten 2019 große Ausstellungen von der Tate Gallery bis zum Frankfurter Städel.

Hilma af Klint, Gruppe IX/SUW, Der Schwan, Nr. 18, 1914/15, Hilma af Klint Stiftung, Stockholm, Courtesy of the Hilma af Klint Foundation, Foto: Moderna Museet, Stockholm


Abstraktion im Lenbachhaus in München

Künstlerinnen sind endlich in unseren Museen angekommen, das zeigt ein Blick auf das Ausstellungsprogramm der großen Häuser anläßlich des heutigen Internationalen Frauentags. Angefangen hat das Jahr bereits mit einem Paukenschlag im Lenbachhaus in München. Die Ausstellung „Weltempfänger. Georgiana Houghton – Hilma af Klint – Emma Kunz“ porträtiert ein wenig bekanntes Kapitel der Moderne. Schon vor Kandinsky entwickelten Georgiana Houghton (1814–1884) in England und Hilma af Klint (1862–1944) in Schweden ihre eigene abstrakte Bildsprache. Einige Jahrzehnte später fand Emma Kunz (1892–1963) in der Schweiz eine innovative geometrische Ausdruckssprache. Gemeinsam ist den drei Malerinnen, dass sie im Abstrakten etwas Geistiges, Übernatürliches darzustellen versuchten und ihre Werke auf spirituellen Erfahrungen basieren.


Von Geistern gemalt? Georgiana Houghton, Blume von Samuel Warrand, 1862, Victorian Spiritualists' Union, Melbourne, Foto: VSU von Georgiana Houghton

Übersinnliches

Die im viktorianischen London lebende Georgiana Houghton schrieb in einem ihrer Ausstellungskataloge, dass bei der Ausführung ihrer Zeichnungen ihre Hand vollständig von Geistern geführt wird. Wie Kandinsky versteht die mittlerweile bekannte und als Begründerin der Abstraktion gefeierte Schwedin Hilma af Klint eine geistige Funktion der Kunst als Grundlage für die abstrakte Malerei. In diesem Kontext sind die verschiedenen künstlerischen Positionen am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in ihrer Zusammenschau zu begreifen. Wenig Sinn macht es dagegen die einzelnen Künstlerinnen und Künstler in ein Wettrennen um das erste abstrakte Bild zu schicken.





Wie von einer speziellen Energie aufgeladen wirken die auf großformatiges Millimeterpapier gezeichneten Werke von Emma Kunz. „Mein Bildwerk ist für das 21. Jahrhundert bestimmt. Es bedeutet auch Gestaltung und Form als Mass, Rhythmus, Symbol und Wandlung von Zahl und Prinzip.“ sagte die Schweizerin, die sich selbst vor allem als Forscherin und Heilpraktikerin denn als Künstlerin verstand. Wer die Schau im Lenbachhaus verpasst hat, dem sei der Katalog zum Nachlesen und ein Besuch im Emma Kunz Zentrum in Würenlos bei Zürich empfohlen.



Die Malerin Lotte Laserstein

Ganz anders, jedoch genauso faszinierend, arbeitet Lotte Laserstein (1898–1993). Das Städel Museum in Frankfurt hat der Künstlerin eine umfangreiche Einzelausstellung gewidmet. Wer sich beeilt, kann ihre Gemälde noch bis zum 17. März bewundern. Lasersteins œuvre zählt zu den großen Wiederentdeckungen der letzten Jahre. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die versierte Malerin wohl vergessen, weil sie einerseits bedingt durch ihre jüdischen Wurzeln 1937 nach Schweden emigrierte und zum anderen der Kunstgeschichtsschreibung zu akademisch und nicht modern genug erschien. Doch vergessen wurde sie zu Unrecht.


Lotte Laserstein zitiert die Renaissance: Abend über Potsdam, 1930, Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Roman März © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Mit intellektueller Malfreude zitiert Laserstein in ihren Bildern die großen Werke der Kunstgeschichte: Ob Leonardo da Vinci oder Plautilla Nelli, Andrea Mantegna, Michelangelo oder Ferdinand Hodler, man erkennt die großen Meister, wenn man Lasersteins Bilder betrachtet. Genau diese malerischen Allusionen und der weibliche Blick, mit dem sie ihre Bildmotive beinahe zärtlich einfängt, machen ihre Bildsprache einzigartig.

Im Berlin der Weimarer Republik porträtierte Laserstein erfolgreich ihre Zeitgenossen.


Dies zeigt beeindruckend eines ihrer Hauptwerke „Abend über Potsdam“, bei dem man unwillkürlich eine Anspielung Abendmahlsdarstellungen der Renaissance mitsieht. Ins Zentrum ist statt Christus eine melancholisch-versunken blickende Frau gerückt. Erahnt die Tischgesellschaft bereits den Horror des Nationalsozialismus, ist hier ein Beziehungskonflikt dargestellt oder spielt Laserstein mit dem karg gedeckten Tisch auf die zuweilen wirtschaftlich prekäre Situation von Künstlern an? Es bleibt den Betrachtenden überlassen für dieses moderne Abendmahl individuelle Deutungsvarianten zu finden.


Im Raum zwischen Betrachtenden und Malerin: Lotte Laserstein, In meinem Atelier, 1928, Foto: Lotte-Laserstein-Archiv / Krausse, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Ebenso wie bei „Abend über Potsdam“ spielt Lotte Laserstein in „In meinem Atelier“ mit dem starken Kontrast von nah und fern, indem sie zwei monumentale und zugleich zart gezeichnete Frauen vor einer feingliedrige Stadtlandschaft positioniert. Das schlafende Modell liegt prominent zwischen uns und der Künstlerin. Doch unser Blick wird vom weißen Leintuch in die Tiefe des Bildraumes auf die weißen mit Schnee bedeckten Dächer geführt. Wie bei dieser Atelierszene kreiert Laserstein mithilfe eines weit nach oben gezogenen Horizonts bühnenartige Bildräume für ihre großen, in einer michelangelesken Körperhaftigkeit dargestellten Menschen. Lotte Laserstein ist eine wirkliche Entdeckung.



Wiener Moderne

Weiter richtet sich der Blick nach Wien ins Untere Belvedere. Die Ausstellung „Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien 1900–1938.“ ist „eine längst fällige Präsentation, um die Bedeutung der Frauen zur Zeit der Wiener Moderne zu manifestieren“, wie die Generaldirektorin des Belvedere Stella Rollig konstatiert. Die Schau dokumentiert das heute fast vergessene Werk von rund sechzig Künstlerinnen, unter ihnen Greta Freist, Emma Schlangenhausen oder Elza Kövesházi-Kalmár. Die Werke der Künstlerinnen sind aufgrund ihrer Qualität zum Teil in einem Atemzug mit Egon Schiele, Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zu nennen.


Mit wildem Pinselduktus: Helene Funke, Pfirsichstillleben, 1918 © Belvedere, Wien

Das demonstrieren eindrucksvoll die expressionistischen Arbeiten von Helene Funke und Helene von Taussig. Mit der Machtübernahme des NS-Regimes endete jedoch die Präsenz der Frauen im Kunstbetrieb und in den Ausstellungshäusern, nicht zuletzt, weil viele Künstlerinnen jüdischer Herkunft waren. Mit dem Titel „Stadt der Frauen“ nimmt die Wiener Ausstellung auf „Das Buch von der Stadt der Frauen“ der französischen Schriftstellerin Christine de Pizan (1364–nach 1429) Bezug. Pizan entwirft darin ein utopisches Modell einer Frauenstadt als Wunschraum. In der Wiener Moderne ist die spätmittelalterliche Vision mit den künstlerischen Stimmen selbstbewusster Malerinnen ein Stück Wirklichkeit geworden.



Weiblicher Surrealismus in London

Die Tate Modern befreit aktuell die Künstlerin Dorothea Tanning (1910–2011) aus dem Schatten ihres Ehemannes Max Ernst und stellt erstmals umfänglich die siebzigjährige Schaffenszeit der Amerikanerin vor. Dorothea Tannings Arbeiten eröffnen eine weibliche Seite des Surrealismus voller Symbole und Metaphern von unterdrücktem Verlangen, Sexualität und namenlosem Schrecken. Die in Illinois geborene Tanning füllt ihre Bilder erfindungsreich mit Geistern und Traumgestalten, sodass es einen erschauern lässt. Das gelingt ihr in der Malerei genauso wie mit ihren textilen Skulpturen, die eine Mischung aus Körpern und Objekten sind und an Louise Bourgeois erinnern.


Was verbirgt sich hinter den Türen? Dorothea Tanning, Eine Kleine Nachtmusik, 1943, Foto: Tate © DACS, 2019

Die kleinformatige Ölmalerei „Eine kleine Nachtmusik“ darf man wohl vor dem Grauen des 2. Weltkriegs verstehen. In diesem Albtraum sind die Menschen zu Puppen mutiert, die in einem Hotelkorridor umherirren. Einem der beiden Mädchen stehen die Haare zu Berge, während ihr eine zerstörte, überdimensionierte Sonnenblume den Weg versperrt. Mit Mozarts Wohlklang hat die Szene wenig gemein. Vielmehr stellt sich die Frage, welches Grauen sich hinter den Türen verbirgt.


Im Anschluss an Dorothea Tanning präsentiert die Tate Modern ab Juni mit der russischen Malerin Natalia Goncharova (1881–1962) eine Künstlerin der russischen Avantgarde. Der Stil Goncharovas oszilliert zwischen der Kunst des Blauen Reiters und futuristischen Gestaltungsweisen und wartet darauf mit Werken von Macke, Kandinsky und Marc in Bezug gesetzt zu werden.



Romantik in Berlin

Im Herbst lohnt sich ein Besuch der Alten Nationalgalerie in Berlin, die den Künstlerinnen aus der eigenen Sammlung eine Schau widmet. Vertreten sind Namen wie Marie Ellenrieder,

Augusta von Zitzewitz, Dora Hitz, Sabine Lepsius, Maria von Parmentier sowie bekanntere Künstlerinnen wie Paula Modersohn-Becker, Käthe Kollwitz oder Renée Sintenis. Zu erwarten ist ein Blick in die Kunst der deutschen Romantik.


Die 1791 in Konstanz geborene Marie Ellenrieder etwa malte Altarbilder und reiste zu Studienzwecken nach Rom. Auf der Höhe ihrer Karriere erhielt sie den Auftrag für den Hauptaltar der Stephanskirche in Karlsruhe. In der Folge ernannte sie Großherzog Ludwig von Baden zur Hofmalerin. Wir dürfen gespannt sein, um welche weiteren Perspektiven die Alte Nationalgalerie unsere Kenntnis der Malerei des 19. Jahrhunderts erweitern wird.


Bei all den großartigen Künstlerinnen kann man nur staunend fragen, warum den Frauen bisher der Platz im Kanon der Kunstgeschichte verweigert wurde. Mehr noch, warum wird die Anerkennung und Kenntnis um weibliche Positionen in der Kunst erst jetzt eingefordert? Alle vorgestellten Ausstellungen zeigen, wie obsolet die traditionelle Kunstgeschichtsschreibung mittlerweile geworden ist. Gerade deshalb gilt es, sich die Namen von Künstlerinnen wie Georgiana Houghton, Lotte Laserstein, Helene Funke und hunderter anderer Künstlerinnen der Moderne und früherer Epochen einzuprägen und ihr Werk gebührend zu würdigen.



Welche Künstlerinnen haben Sie neu entdeckt? Schreiben Sie mir oder hinterlassen Sie einen Kommentar.



Die Ausstellungen auf einen Blick:


Weltempfänger

Georgiana Houghton – Hilma af Klint – Emma Kunz

Mit Filmen von James und John Whitney und Harry Smith

bis 10. März 2019 im Lenbachhaus Kunstbau München

Katalog erschienen im Hirmer Verlag


Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht

bis 17. März 2019 im Städel Museum Frankfurt am Main

Katalog erschienen im Prestel Verlag


Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien 1900-1938

bis 19. Mai 2019 Unteres Belvedere Wien

Katalog erschienen im Prestel Verlag


Dorothea Tanning

bis 09. Juni 2019 in der Tate Modern London

Katalog erschienen bei Tate Publishing


Natalia Goncharova

06. Juni bis 08. September 2019 in der Tate Modern London


Kampf um Sichtbarkeit

Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919

11. Oktober 2019 bis 08. März 2020 in der Alten Nationalgalerie Berlin


Emma Kunz Zentrum

Steinbruchstrasse 5

CH-5436 Würenlos

www.emma-kunz.com





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