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  • Jana Lucas

5 Wege, um Kunstwerke ohne Hintergrundwissen zu verstehen

Aktualisiert: 30. März 2019


Stehen wir im Museum vor einem Bild, folgen wir eingeübten Ritualen, um uns das Werk zu erschliessen. Wir wollen etwas über das Leben der Künstlerin oder des Künstlers erfahren. Wir fragen unter welchen persönlichen, politischen oder religiösen Umständen das Objekt entstanden ist. Wir versuchen es stilistisch im Kontext seiner Zeit einzuordnen. Diese Fragen richten wir zurecht an ein Werk. Allerdings fällt es schwer, diese ohne Bücher, Quellen und Vergleichsbeispiele vor Ort zu beantworten.


Doch es gibt mehr Wege, um mit einem Bild ins Gespräch zu kommen. Denn Museen haben keinen Pakt mit der Vergangenheit geschlossen und Sie haben das auch nicht. Die folgenden fünf Tipps helfen Ihnen dabei, Kunstwerke auf Ihre eigene Weise zu entdecken. Legen Sie den Audioguide mal beiseite und fangen Sie an, aktiv zu sehen. Probieren Sie es bei Ihrem nächsten Museumsbesuch aus.



Finden Sie ein Kunstwerk, das Ihre Stimmung widerspiegelt.

Lilla Cabot Perry, In Monets Garten, 1897, Privatsammlung, Foto: The Athenaeum.

Setzen Sie sich davor und nehmen Sie sich Zeit, Ihre Gefühle vor dem Bild wahrzunehmen. Spricht Sie in diesem Moment Monets von der Sonne beschienener Garten in Giverny an, dessen luftig-warme Stimmung Lilla Cabot Perry (1848–1933) eingefangen hat? Oder ist Ihnen das tosende Meer von Winslow Homer (1836–1910) näher? Warum haben Sie sich für das eine oder das andere Bild entschieden? Die Malerin Agnes Martin (1912–2004) sagte einst: „We have a tremendous range of abstract feelings, but we don’t pay any attention to them.“ Bilder helfen dabei, unsere Gefühle genauer wahrzunehmen.


Wilde Wasser: Winslow Homer, Northeaster, 1895, überarbeitet 1901, Foto: Metropolitan Museum of Art New York, Gift of George A. Hearn, 1910.

Kunstwerke funktionieren dabei wie eine Art Landkarte zu unserem Innenleben. Denn sie provozieren Antworten und Reaktionen. Sie reflektieren unsere Gefühlszustände und Empfindungen wie Freude, Erhabenheit, Stolz, Zorn, Ekel oder Dankbarkeit. Mit der folgenden kleinen Übung gelingt es, Ihren Gefühlen auf die Spur zu kommen: Zählen Sie alle Adjektive auf, die Ihnen einfallen, während Sie auf ein Kunstwerk blicken. Wie viele Worte finden Sie?





Nehmen Sie die körperliche Haltung einer Bildfigur ein.

Artemisia Gentileschi, Aurora, um 1625/27, Privatsammlung, Foto: The Athenaeum.

Breiten Sie Ihre Arme weit aus wie Aurora, die Göttin der Morgenröte, die in Artemisia Gentileschis (1593–1653) Gemälde die Nacht vertreibt. Heben Sie Ihren Blick und Ihren Arm gleich Albrecht Dürers (1471–1528) Christophorus. Wie fühlt sich das an? Oder möchten Sie lieber Ihren Kopf an eine Schulter lehnen wie der Jünger Johannes bei Jesus auf den Darstellungen des letzten Abendmahls? Spüren Sie die Einengung und Beklemmung der Skulpturen Alberto Giacomettis (1901–1966), wenn Sie Ihre Arme eng an den Körper pressen? Mit diesem simplen, jedoch effektiven Trick tauchen Sie direkt ins Bildgeschehen ein.





Lesen Sie ein Bild formal. Erkunden Sie den Bildaufbau, verstehen Sie die Verwendung von Farbe und Licht.

Nina Tamara Arbore, Vase mit Lilien, ohne Jahr, Privatsammlung, Foto: The Athenaeum.

Farbe ist ein grundlegendes Element in der bildenden Kunst. Egal, ob es sich um abstrakte oder gegenständliche Kunst handelt, zusammen mit Linien, Formen und Gestaltgebung verwenden Künstlerinnen und Künstler Farbe, um die Welt darzustellen, eine Idee zu vermitteln oder Emotionen hervorzurufen. Welche Farben dominieren ein Bild, welche Bereiche haben ähnliche Farbwerte, welche Farben bilden Kontraste? Welche Farben erzeugen Sie eine ruhige, aggressive oder mehrdeutige Stimmung? Der Komplementärkontrast zwischen Rot und Grün prägt das Blumenstillleben der rumänischen Malerin Tamara Nina Arbore (1889–1942). Das Licht, das von der hellen rechten Bildhälfte in den dunkleren Bereich links führt, verleiht der Komposition Spannung.



Ausgeklügelter Bildaufbau: Lilly Martin Spencer, Conversation Piece, um 1851/52, Foto: Metropolitan Museum of Art New York, Maria DeWitt Jesup and Morris K. Jesup Funds, 1998 (ohne Raster).

Auf welche Weise gelingt es einer Künstlerin, einem Künstler auf der Bildfläche eine räumliche Illusion zu erzeugen? Wie gliedert sich der Bildraum in Vorder- Mittel- und Hintergrund? Wie sind Gegenstände und Personen auf der Leinwand angeordnet? Mit folgender Methode können Sie nachvollziehen, wie die Motive eines Bildes arrangiert wurden. Teilen Sie gedanklich das Bild mittig durch horizontale und vertikale Linien. Verbinden Sie die Ecken durch Diagonalen. Fällt Ihnen etwas auf? Schnell ist zu erkennen, wie bewusst die Figuren in einem Bild positioniert sind.


Die amerikanische Malerin Lilly Martin Spencer (1822–1902) porträtierte sich hier mit ihrer Familie. Ihre Füsse, der Kopf ihres Kindes, dessen rechte Hand sowie ihr Auge liegen annähernd auf einer Diagonalen. Und schauen Sie, wie präzise die Malerin die Kirschen positioniert hat. Eine der beiden Früchte befindet sich genau auf der Mittelachse des Bildes. Bis zur Moderne haben Malerinnen und Maler bei der Bildkomposition in der Regel nichts dem Zufall überlassen.





Seien Sie neugierig. Schauen Sie. Beobachten Sie.

Deutscher Meister, Segnender Christus inmitten einer Stifterfamilie, um 1573–82, Foto: Metropolitan Museum of Art New York, Gift of J. Pierpont Morgan, 1917.

Beschreiben Sie, was Sie sehen. Achten Sie auf alle Details. Sofort fällt einem bei diesem kleinen Triptychon auf, dass Christus genauso gross wie die Stifterfamilie abgebildet ist. Was für eine aussergewöhnliche Darstellung! Christus ist hier als Erlöser, als Salvator Mundi zu sehen. Mit seiner Linken hält er die Weltkugel, auf der die Kulisse einer Stadt glänzt. Seine Rechte ist zum Segensgruss erhoben. Christus weilt ganz wörtlich unter den Gläubigen. Die Stifter stehen aufrecht. Sie beten nicht, sondern befinden sich auf Augenhöhe mit dem Gottessohn. Lediglich die Körperhaltung und das Gewand unterscheiden Christus von den Mitgliedern dieser wohlhabenden Familie.


Sofort kommt einem der Vers aus dem Matthäusevangelium in den Sinn „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Die Gegenwart Christi inmitten der Familie zeigt, als wie allgegenwärtig und zugänglich Christus im lutherischen Glauben betrachtet wurde. In der katholischen Kirche wäre eine solch hierarchiefreie Darstellung nicht denkbar gewesen. Über Christus prangt auf einem Schild am Baldachin ein auf niederdeutsch verfasster Vers aus dem Johannesevangelium „ICK LEVE. VND GŸ SCHO- / LEN OCK LEVEN, IOH 14“ / „Ich lebe und ihr sollt auch leben“.


Auf den Wandfeldern hinter den älteren Familienmitgliedern sind Psalmensprüche zu lesen. Ebenso ist das jeweilige Alter der Personen auf die Wand geschrieben. Der jüngste Sohn ist erst sechs Jahre alt, seine Mutter befindet sich im Alter von 52 Jahren. Hat die Frau noch mit 46 Jahren ein Kind geboren, oder handelt es sich bei dem Jungen bereits um ein Enkelkind?

Wie bestimmt die einzelnen Familienmitglieder die Betrachtenden anschauen.


Den Betrachter im Blick: Deutscher Meister, Segnender Christus inmitten einer Stifterfamilie, linker Seitenflügel, um 1573–82, Foto: siehe oben.

Besonders das Ehepaar und der links aussen positionierte 33-jährige Sohn wirken, als hätte sie der anonyme Meister direkt aus dem Leben gegriffen und ins Bild gestellt. Nur der Teint der Gesichter und die orange Farbe des Umhangs Christi muten in ihrer Farbgebung ungewöhnlich an. Ebenfalls erstaunt der Tisch mit den ausgebreiteten, botanisch genau zu erkennenden Blumen. Sie kontrastieren in ihrer Zartheit die voller körperlicher Präsenz wiedergegebenen Menschen.


Wenn Sie nach ihrer eigenen Erkundungstour durch das Bild dann neugierig den Audioguide anschalten, erzählt er Ihnen Folgendes: Die roten Farbpigmente im Bild wie etwa beim Mantel von Christus oder bei den Blüten der Pflanzen sind im Laufe der Zeit verblichen. Stellen Sie sich hier ein kräftiges, leuchtendes Rot vor. Die Bibelstellen stammen wörtlich aus der niederdeutschen Bibelübertragung der Lutherbibel durch Johannes Bugenhagen (1485–1558), einem engen Weggefährten Martin Luthers.




Hamburg ist die Welt: Deutscher Meister, Segnender Christus inmitten einer Stifterfamilie, Detail aus der Mitteltafel, um 1573–82, Foto: siehe oben.



Die Kirchtürme auf der Weltkugel zeigen die Silhouette der Stadt Hamburg. Ein Detail der Kirchtürme verrät dem aufmerksamen Betrachter etwas über das Entstehungsdatum des Bildes. Eine der Kirchen, die Jacobi Kirche, erhielt Mitte der 1580er Jahre einen neuen Turmaufsatz. Der Maler zeigt den Zustand der Kirche vor Umbau. Um welche Hamburger Familie es sich handelt und welcher Künstler sie gemalt hat, ist nicht bekannt. Doch es ist ihm gelungen, das Wesen der Familie auf so unverwechselbare Weise einzufangen, dass sie noch heute zu berühren vermag.










Interviewen Sie die dargestellten Personen.

Berühmte Malerin: Adélaïde Labille-Guiard, Selbstporträt mit zwei Schülerinnen, Marie Gabrielle Capet und Marie Marguerite Carreaux de Rosemond, 1785, Foto: Metropolitan Museum of Art, Gift of Julia A. Berwind, 1953.

Zuhören können und Fragen zu stellen zählt zur hohen Schule der Gesprächsführung. Auch bei der Bildbetrachtung kommen Sie weiter, wenn Sie die dargestellten Personen befragen. Nachzufragen hilft, Gedanken zu einem Thema zu entwickeln und ein Bild zu ergründen.


Die französische Malerin Adélaïde Labille-Guiard (1749–1803) hat sich auf diesem Selbstporträt mit zwei Schülerinnen, mit Marie Gabrielle Capet (1761–1818) und mit Marie Marguerite Carreaux de Rosemond (gest. 1788), im Jahr 1785 abgebildet. Von ihr möchte ich Folgendes wissen:

  • Welche Büste steht im Hintergrund?

  • Wo unterrichten Sie?

  • Wo stellen Sie Ihre Bilder aus?

  • Haben Sie bestimmte Auftraggeberinnen und Auftraggeber?

  • Wer sind Ihre Schülerinnen?

  • Woran arbeiten Sie gerade?

  • Was sind Ihre Hauptmotive?

  • Welche Stellung haben Sie als Malerin?

  • Wie sind Sie Malerin geworden?

  • Malen viele Frauen Ihrer Zeit in Frankreich?

  • Sind Sie Mitglied der königlichen Akademie für Malerei und Bildhauerei?

  • Tauschen Sie sich mit Ihrer Kollegin Élisabeth Vigée-Lebrun aus?

  • Welche Preise verlangen Sie für Ihre Bilder im Vergleich zu Ihren männlichen Kollegen?

  • Sie befinden sich im Jahr 1785, also vier Jahre vor der französischen Revolution. Was passiert gerade in Frankreich?

  • Unterhalten Sie Kontakte zum Königshaus?

  • Wie sieht Ihr Alltag aus?

  • Entspricht diese Art von Strohhut mit breiter Krempe der aktuellen Pariser Mode?

Ohne weitere Recherche vermag ich diese Fragen nicht zu beantworten. Doch sie helfen mir, über das Bild nachzudenken und den Entstehungskontext einzukreisen.



Wie begegnen Sie Kunstwerken? Haben Sie eigene Rituale beim Betrachten von Bildern? Schreiben Sie mir oder hinterlassen Sie einen Kommentar.

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